Rückenschmerzen werden nicht zu Unrecht als Volksleiden Nr. 1 bezeichnet. Die Medizinische Universität Lübeck kam durch repräsentative Befragungen zu dem Ergebnis, dass an einem beliebigen Tag rund 40% aller Deutschen unter Rückenschmerzen leiden. Ein Viertel davon fühlt sich durch die Schmerzen erheblich beeinträchtigt.

Rückenbeschwerden können viele Ursachen haben: natürliche Alterungsprozesse, ein allgemein schlechter Gesundheitszustand, psychosoziale Probleme und natürlich: ...die Belastungen am Arbeitsplatz. Unzureichende Bewegung, andauerndes Sitzen und unphysiologische Körperhaltungen lassen unseren Rücken aufschreien! Wer diese warnenden Signale nicht versteht oder nicht verstehen will, riskiert chronische Schädigungen. Warum, verdeutlicht ein Blick auf das Innenleben des Rückens.

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Bild: Heben

Rückenschmerzen sind weit verbreitet. Fast jeden trifft es irgendwann.

Das Innenleben des Rückens erstreckt sich entlang der Wirbelsäule. Diese setzt sich zusammen aus 24 knöchernen Wirbeln, die durch Bandscheiben, Bänder und Muskeln miteinander verbunden sind. Im Anschluss an die Lendenwirbelsäule befindet sich das Kreuz- und Steißbein, ein knöcherner Fortsatz aus 9-10 zusammengewachsenen Wirbeln.

Das Baukastensystem der Wirbelsäule entspricht auf ideale Weise den Anforderungen, die sie zu erfüllen hat: Sie muss

  1. den Rumpf tragen und aufrecht halten

  2. zugleich aber Bewegung (Beugung, Streckung, Rotation) ermöglichen

  3. und gleichzeitig das sensible Rückenmark vor Schädigungen schützen.

Von der Seite betrachtet erkennen Sie ihre (Doppel-)S-förmige Schwingung. Ähnlich einer mechanischen Feder fängt sie Stöße wesentlich besser ab, als ein geradlinig geformter Pfeiler.

Die Wirbelsäule von  der Seite betrachtet. Sie setzt sich zusammen aus Halswirbelsäule, Brustwirbelsäule  und Lendenwirbelsäule.

Bei näherer Betrachtung der Wirbelsäule erkennen Sie zwischen den einzelnen Wirbeln die sogenannten Bandscheiben (auch Zwischenwirbelscheiben genannt). Diese kissenförmigen Gebilde bestehen aus einem stark wasserhaltigen, gallertartigen Kern, der von einem straffen Faserring wie bei einer Zwiebel umgeben ist. Die Bandscheibe als 'Wasserkissen' fängt Stöße auf die Wirbel ab und verteilt die Druckkräfte gleichmäßig auf die Fläche des darunter liegenden Wirbels. So werden die Wirbel und die entlang der Wirbel verlaufenden Nervenstränge vor frühzeitigem Verschleiß geschützt.

Bild: Thomann, S.25

Die Bandscheiben befinden sich als Abstandhalter zwischen den Wirbeln und fangen Stöße wie ein Stoßdämpfer ab.

Wie jedes Organ, müssen auch die Bandscheiben mit Nährstoffen versorgt werden. Da sie aber nicht an den Blutkreislauf angeschlossen sind, muss dies durch das Prinzip der sogenannten Diffusion erfolgen. Wie ein Schwamm gibt die Bandscheibe unter Druck Flüssigkeit ab, die sie bei Druckentlastung - angereichert mit Nährstoffen aus der Umgebung - wieder aufnehmen kann.

Wenn wir sitzen oder stehen, belasten wir die Bandscheiben alleine durch unser Körpergewicht. Beim aufrechten Sitzen wirkt immerhin eine Drucklast von 150 kg auf die Bandscheiben der Lendenwirbelsäule ! Noch stärkerem Druck sind sie ausgesetzt, wenn wir krumm sitzen!

Quelle: Bertagnoli

Drucklast auf die Bandscheiben in Abhängigkeit von der Körperhaltung

Wenn wir permanent sitzen, setzen wir auch unsere Bandscheiben permanent unter Druck. Sie geben dann mehr Flüssigkeit ab als sie aufnehmen und werden logischerweise dünner. Dies wiederum bewirkt, dass die seitlich verlaufenden stabilisierenden Bänder an Spannung verlieren; sie leiern regelrecht aus. Dadurch wird die Wirbelsäule insgesamt instabiler. Reflektorisch verspannt sich die Muskulatur, um die Instabilität auszugleichen. Verspannungsschmerzen sind die Folgen. 

Deshalb sollten wir öfter mal aufstehen und für Bewegung sorgen. Durch Bewegung werden die Bandscheiben abwechselnd be- und entlastet und dadurch optimal ernährt.

Bild: André Wiesner

Durch den verringerten Stoffwechsel im Alter verschlechtert sich der Zustand der Bandscheiben. Der gallertartige Kern trocknet aus, der umgebende Faserring degeneriert.

Der Einfluss von Körperhaltung und Bewegung auf das Entstehen von Rückenbeschwerden kann nicht genug betont werden. Auf der rechten Seite sehen Sie eine typische Körperhaltung am Bildschirmarbeitsplatz: Das Sitzen mit übereinandergeschlagenen Beinen. Was bedeutet das für die Bandscheiben?

Bei übereinandergeschlagenen Beinen wird das Becken seitlich verdreht, kippt nach hinten und begünstigt so die Bildung eines Rundrückens. Die Folge: Die Bandscheiben werden ungleichmäßig belastet. Der Gallertkern wird nach hinten gedrückt und übt u.U. einen schmerzenden Dehnungsreiz auf die Wirbelgelenke oder die Bänder der Wirbel aus. Eine ständige Fehlbelastung kann schließlich dazu führen, dass der Bandscheibenkern soweit nach hinten drückt, dass er auf die im Wirbelkanal verlaufenden Nervenfasern einen schmerzenden Reiz ausübt. 

Das Sitzen mit übereinandergeschlagenen Beinen ist aber nicht grundsätzlich 'schlecht'. Keine Körperhaltung ist für sich genommen gut oder schlecht. Wichtig ist, dass die Haltung regelmäßig gewechselt wird. Dazu muss allerdings ein entsprechendes Körperbewusstsein vorhanden sein. Fehlt dieses, ist die Gefahr groß, durch statische Fehlhaltungen dem Stütz- und Bewegungsapparat zu schaden. 

Die Stellung des Beckens beeinflusst ganz wesentlich die Form und damit den Belastungsgrad der Wirbelsäule.

Stellen Sie sich Halswirbelsäule, Brustwirbelsäule, Lendenwirbelsäule und das Becken als Zahnräder vor, die alle ineinander greifen. Wenn sich ein Zahnrad dreht, drehen sich alle anderen mit. Wenn Sie das Becken nach vorne kippen, wird Ihre gesamte Wirbelsäule aufgerichtet und befindet sich in ihrer optimalen Form. Probieren Sie es aus! Kippt das Becken dagegen nach hinten, verkrümmt sich das restliche Ganze. Ein Rundrücken entsteht und die Bandscheiben, Wirbel und Wirbelgelenke werden, wie gesagt, einer erhöhten Belastung ausgesetzt.

Nicht nur große Menschen neigen zum 'Buckelsitzen'. Auch alle anderen laufen Gefahr, wenn die Kraft für eine aufrechte Haltung fehlt. Das kann der Fall sein, wenn wir z.B. müde und ausgelaugt sind. Auch psychische Probleme können uns Energie entziehen. Dann verkrümmen wir unseren Rücken, ziehen den Kopf ein, die Schultern hoch und machen uns klein. Als wollten wir sagen: Ich bin nicht da! Lasst mich in Ruhe! Bleibt weg, ich hab euch doch nichts getan!  Sie sehen also: Innere und äußere Haltung sind untrennbar miteinander verbunden. Nur einem guten Schauspieler gelingt es, andere Menschen über seinen Gemütszustand hinweg zu täuschen.

Aber das Entstehen von Rückenbeschwerden hängen nicht nur von der Körperhaltung, sondern auch von der Bewegungsaktivität des arbeitenden Menschen ab. Unser Organismus ist auf Bewegung angewiesen. Insbesondere die Bandscheiben brauchen für ihre Ernährung den mit Bewegung einhergehenden Wechsel von Be- und Entlastung. Wer sich nicht ausreichend bewegt, riskiert vorzeitige Verschleißerscheinungen der Bandscheiben. Rückenbeschwerden sind damit vorprogrammiert.

Durch ausreichende Bewegung können Sie Beschwerden im Rückenbereich vorbeugen. Sie tun damit aber auch Ihrer Muskulatur und Ihrem Kreislaufsystem etwas Gutes. Zudem hat Bewegung einige positive Effekte auf den Wachheitsgrad im Gehirn. Sie fühlen sich besser, sind wach und können sich leichter konzentrieren. Dadurch verbessern Sie Ihre  psychische Leistungsfähigkeit; Ihre Arbeitsfreude steigt.

 

   

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Wer oft wie ein 'Fragezeichen' im Stuhl sitzt, riskiert frühe Verschleißerscheinungen der Bandscheiben. 


Rückenerkrankungen hängen meist mit Verschleißerscheinungen der Bandscheiben zusammen. Durch wiederholte Überlastung entstehen im Gewebe des Fasserings winzige Einrisse. Der eingeschlossene Gallertkern wird so nicht mehr ausreichend stabilisiert, wölbt sich vor und drückt auf die Nervenwurzeln. Betroffen dabei sind vor allem die Bandscheiben der Lendenwirbelsäule, weil Sie am Ende der Wirbelsäule den höchsten Druckkräften ausgesetzt sind. Der resultierende Schmerz ist typisch für das sogenannte Lendenwirbelsäulensyndrom.

Ebenfalls durch Überlastung, aber auch durch natürliche Alterungsprozesse, verliert die Bandscheibe an Flüssigkeit und Elastizität. Der Abstand zwischen den Wirbeln verringert sich, so dass sich die Wirbelgelenke benachbarter Wirbel u.U. ineinander verkeilen. Reflektorisch verspannt sich die Muskulatur dabei so stark, dass sich der betreffende nicht mehr bewegen kann. Der Arzt spricht hier vom Lumbalsyndrom. Der Volksmund nennt die Erkrankung Hexenschuss. Wahrscheinlich deshalb, weil sich der Leidtragende nur noch gebückt wie eine Hexe fortbewegen kann.

Eine weitere typische Rückenerkrankung ist der sog. Bandscheibenvorfall. Wie kommt es dazu?

Während beim Lendenwirbelsäulensyndrom meist nur kleine Einrisse im Faserring diagnostiziert werden, reißt dieser beim Bandscheibenvorfall vollständig ein. Der Gallertkern tritt aus und drückt u.U. auf austretende Nerven oder in ganz schlimmen Fällen auf das Rückenmark. Typisch für den Bandscheibenvorfall sind deshalb nicht nur starke, schier unerträgliche Kreuzschmerzen, sondern auch Gefühlsstörungen bzw. Lähmungserscheinungen in Beinen und Füßen. Darüber hinaus können innere Organe, wie beispielsweise die Blase, in Mitleidenschaft gezogen werden. 

Symptomatisch für das Halswirbelsäulensyndrom ist ein brennender, ziehender Schmerz im Nackenbereich. Ursache ist in der Regel eine Fehlhaltung der Halswirbelsäule, die durch unergonomische Arbeitsbedingungen provoziert wird. So z.B., wenn der Monitor infolge falscher Sitz- und Arbeitshöhe zu hoch steht. Der Nutzer ist dann gezwungen mit überstreckter Halswirbelsäule zu arbeiten. Genauso ungesund ist es, längere Zeit mit gesenktem Kopf zu arbeiten. Die Bandscheiben der oberen Wirbelsäule werden dann ungleichmäßig belastet. Zudem verspannt sich die Nackenmuskulatur, die den vorgeneigten Kopf stabilisieren muss.  Nicht selten sind deshalb die Muskeln im Schmerzbereich verhärtet. Es lassen sich Knoten erfühlen, die bei Berührung schmerzen. Mediziner bezeichnen dieses Krankheitsbild als Myogelose.

 

Bild: CSN Magdeburg GmbH

Geschädigte Bandscheiben können gegen die angrenzenden Nervenfaseren drücken und dadurch Schmerzen verursachen.


Was Sie dagegen tun können ist eigentlich ganz einfach! Gestalten Sie Ihre Arbeitsorganisation und -umgebung so, dass sie Bewegung ermöglicht. Legen Sie kurze Bewegungspausen ein, machen Sie zwischendurch Ausgleichsübungen, telefonieren Sie im Stehen, beachten Sie ergonomische Grundsätze bei der Bürogestaltung und vor allem: Sitzen Sie dynamisch! Was ist damit gemeint?

Vielleicht habe auch Sie in Ihrer Kindheit den gut gemeinten Rat Ihrer Eltern zuhören bekommen: "Sitz gefälligst gerade!". Zwar ist das aufrechte Sitzen die für den Rücken günstigste Sitzposition. Auf Dauer aber wird Sie genauso zu einer Gefahr für Ihren Rücken, als wenn sie wie ein Fragezeichen im Stuhl kauern. Viel gesünder ist es, wenn Sie die Sitzpositionen hin und wieder wechseln, also dynamisch sitzen. Damit fördern Sie den gesunden Wechsel von Be- und Entlastung, den nicht nur Ihr Rücken so dringend braucht. Wechseln Sie deshalb regelmäßig (natürlich nicht so hastig wie in der übertriebenen Animation rechts) zwischen der vorderen, mittleren und hinteren Sitzhaltung. Achten Sie darauf, dass bei der vorderen Sitzhaltung die Beugung des Rumpfes aus den Hüftgelenken heraus erfolgt (und nicht durch Krümmung der Wirbelsäule!). Ideal wäre es, wenn Ihr Bürostuhl das dynamische Sitzen unterstützt. Probieren Sie es mal aus!

Bild: André Wiesner

Als  dynamisches Sitzen bezeichnet man den regelmäßigen Wechsel zwischen der vorderen, mittleren und hinteren Sitzhaltung.